23.01.2018
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Warum gähnen wir?

von Katja Gartung
Baby gaehnt, Gaehnen

Im Laufe unseres Lebens gähnen wir Menschen im Durchschnitt 250.000 Mal, und zwar jeweils sechs Sekunden lang und mit 4 cm weit geöffnetem Mund. Ist der Gähnvorgang erst einmal im Gange, ist er, genau wir das Niesen oder der Schluckauf, nicht mehr zu stoppen. All das klingt plausibel und gut erforscht. Und doch gehört das Gähnen zu den großen Rätseln der Wissenschaft.

Obwohl das Gähnen ein Verhalten ist, das uns angeboren ist und das jeder von uns tagtäglich mehrmals durchführt, kennen wir den Grund und die Funktion dieses Vorgangs noch immer nicht genau. Es muss doch einen biologischen Zweck erfüllen, warum tun wir es sonst bereits als Fötus im Mutterleib und hören ein Leben lang nicht mehr auf damit?

Fest steht heute. dass Müdigkeit bei weitem nicht der einzige Grund ist, der uns zum Gähnen bewegt. Langeweile, Hunger oder gar Stress können ebenso Auslöser sein.

Gähnen ist keine Reaktion auf Sauerstoffmangel im Blut, wie man es früher oft vermutete. Der amerikanische Psychologe Robert Provine führte bereits 1987 mit seinen Studenten Experimente durch und bewies, dass ein erhöhter Kohlendioxid-Anteil in der Atemluft die Häufigkeit des Gähnens der Testpersonen nicht erhöhte und umgekehrt der Sauerstoffgehalt des Blutes durch Gähnen nicht signifikant anstieg. Vielmehr fördert das Gähnen den Wärmeaustausch im Gehirn. Das behauptet der britische Forscher Andrew Gallup, der vor einigen Jahren entsprechende Studien durchführte. Ein z.B. durch Angst oder Stress überhitztes Gehirn ist weniger leistungsstark. Wir gähnen, wenn die Körpertemperatur steigt, und sorgen so dafür, dass kühles Blut in unser Gehirn gepumpt wird. Die Temperatur wird dadurch herunterreguliert und die optimale (Denk)leistung des Gehirns gewährleistet. Gallup fand außerdem durch Beobachtung von Menschen und verschiedenen Säugetieren heraus, dass es einen Zusammenhang zwischen der Dauer des Gähnens und der Komplexität des Gehirns, jedoch nicht zum Körpergewicht, geben muss. Je komplexer das Gehirn, desto länger die durschnittliche Gähndauer.

So weit, so gut. Und was hat es mit der weit verbreiteten Annahme auf sich, Gähnen sei ansteckend? Das stimmt tatsächlich! Dem Wissenschaftler Giacomo Rizzolatti zufolge ist das Gähnen auf spezielle Nervenzellen zurückzuführen, die beim Menschen für Intuition und Empathie verantwortlich sind. Wir fühlen mit, wenn eben jene Zellen uns erkennen lassen, wie sich andere Menschen fühlen. Dann lachen wir mit, weinen mit… und gähnen mit ihnen.

Auch ein Experiment der Forscherin Catriona Morrison und ihrem Team scheint zu belegen, dass es von Empathiefähigkeit zeugt, sich vom Gähnen eines Mitmenschen anstecken zu lassen. Sie setzten Testpersonen in einem Warteraum dem häufigen Gähnen eines Mitmenschen aus. Die Forscher zählten, wie häufig die (nicht eingeweihten) Studienteilnehmer sich von dem herzhaften Gähnen anstecken ließen und mitgähnten. In einem anschließenden Test der Probanden wollte man mehr über ihre Fähigkeit, den emotionalen Ausdruck anderer Menschen zu deuten, herausfinden. Dabei schnitten diejenigen am besten ab, die im Warteraum besonders häufig mitgegähnt hatten.

Es gibt viele interessante Studien zum Thema, die wir hier aus Platzgründen gar nicht alle aufzählen können. Doch, wie eingangs schon erwähnt, sind die wissenschaftlichen Untersuchungen in Bezug auf das Gähnen anscheinend noch lange nicht abgeschlossen. Jeder von uns hat wohl seine eigenen Gähn-Erlebnisse und wahrscheinlich auch seine ganz persönlichen Fragen, für die er bisher keine Erklärung fand. Fakt ist, es wird fleißig weitergeforscht. Lassen Sie uns also gespannt sein, zu welchen Erkenntnissen die Wissenschaftler in Zukunft noch gelangen.

Übrigens – wen es interessiert: Die Wissenschaft des Gähnens heißt Chasmologie.

 

Foto: pixabay.com